La mer gelée

Simultané
 
Evénements
 
Contacts
Revue
 
Que faire ?
 
  Si je viens à mourir je veux que l'on m'enterre dans un tout p'tit cim'tière près d'la porte Saint-Martin ! Quat' cent putains à poil viendront crier très haut ! C'est l'roi des julots que l'on colle au tombeau !
 
Recevez la newsletter
ok

 
 
Simultané / Zeitgleich

 

Widersprüche

Robert Seyfert

Nun befinde ich mich seit ca. 7 Wochen in NY, und dann fühlt man sich vielleicht so was wie ,zu Hause'. Mein ,Zu Hause' ist ein Zimmer in einem Appartement, dass ich mit zwei weiteren Mitbewohnern teile. Als ich das Zimmer besichtigte, schaute ich als erstes aus dem Fenster, und stellte fest, dass man den Hudson-River, mit seinen Ufern auf der anderen Seite sehen kann. Nach einigen Tagen entschloss ich mich mal hinzugehen, um das Ufer und die Aussicht genauer anzusehen. Leider existiert beides nicht - zumindest nicht für die Bewohner dieser Stadt, denn es gibt kein begehbares Ufer, alles umzäunt. Und selbst ein flotter Sprung über den Zaun ist nicht möglich, weil man, um den zu erreichen, erst mal die mehrstöckigen Highways überwinden müsste. Fußwege enden lange vorher, und sobald man die verlassen hat, ist man aus der Stadt ausgeschlossen - man gehört in diesem Teil infrastruktureller Optimierung nicht mehr zum System. Man hat dann die Wahl sich das entweder mit dem Auto, oder gar nicht anzusehen. Aber wer verbindet baumgesäumte Ufer, Wasser und Aussicht schon mit Im-Auto-Sitzen?

Mit einem Gefühl von Deplatziertheit nimmt man den einzig möglichen Weg, und wendet seine Schritte zurück in die Viertel, mischt sich in die Straßen und unter die Leute. Und dort frage ich mich, was diese Stadt denn eigentlich von anderen unterscheidet. Im selben Augenblick kommt mir jemand entgegen, der, wie so viele hier, laut vor sich hinsingt, bzw. -redet. Zuerst dachte ich, dass ich möglicherweise einer neuen Mobilfunktechnologie begegnet bin - aber er redete wirklich mit sich selbst. Ich habe noch in keiner Stadt so viele Leute gesehen, die mit der größten Selbstverständlichkeit laut vor sich hinsingen, oder -reden. So ist es auch mit das Erste, was man hier lernen muss: über gewisse ungewöhnliche Verhaltensweisen hinwegzusehen. Jeder tut das. Das Ergebnis ist, dass die Meisten mit einer gewissen reduzierten Aufmerksamkeit durch die Welt laufen. Es gibt wie immer Extrembeispiele. So treiben manche die Reizreduktion so weit, dass sie die Funktion der Stadt bedrohen. Darüber wird dann diskutiert. Es läuft hier unter dem Stichwort ,Oblivia'. Das lässt sich als ,Vergesser' oder ,Nichtbeachter' übersetzen. Das sind all die "New Yorker, so eingehüllt in ihre eigene kleinen Welt, die es nicht einmal bemerken, wenn sie dich mit ihren Sorgen belästigen." Diese Beschreibung findet sich in der ,New York Press': in der Ausgabe ,Best of Manhattan 2002 Readers Poll'. Gemeint sind generell alle, die den allgemeinen Menschenstrom aufhalten: Die, die verträumt auf der falschen Seite der Rolltreppe stehen, oder die, die mit ausgesucht langsamen Schritt auf der Strasse den eilenden Passanten den Weg versperren. Da ist nie Platz auf den Gehsteigen, und wie mir eine NYerin versicherte: "In NY läuft man schnell." Meine beste Erfahrung war der Mann, der in ein Telefongespräch vertieft in der Mitte der Drehtür stehen geblieben ist, um sich nun intensiv nur noch dem Gesprächspartner zu widmen. Die Menge von Leuten die darauf wartete auch hinein- oder hinaus zu gelangen hatte er anscheinend vergessen; zumindest interessierte sie ihn nicht mehr. Jeder kann sich natürlich vorstellen, dass man ziemlich schnell einer von ihnen, einer von diesen Oblivias sein kann. Zum Beispiel in der Untergrund-(Bahn)-City: In sie taucht man an bestimmten gekennzeichneten Stellen der Stadt ein, und muss dann im permanenten Strom darauf achten, an den richtigen Stellen einen Impuls zu geben, um am gewünschten Ort wieder hinausgespült zu werden. Wir landen in einem ,recreation parc' - hier tun die Menschen das, was sie überall in großen Städten in Parks zu tun pflegen: sie sitzen auf den Wiesen und nehmen ihr Picknick ein, oder sie werfen sich verschiedenste Gegenstände auf die verschiedenste Art und Weise so zu, dass sie sich ein wenig, aber auch nicht zuviel bewegen müssen. Parks sind im Allgemeinen sehr interessante Objekte der Beobachtung: So gibt es beispielweise in Greenwich Village (Lower Manhattan) tatsächlich einen ,Fetzen' Park, der damit wirbt alles unberührt zu lassen: ,La Guardian Corner Garden - Landscape'. Dort sieht es dann ungefähr so aus, wie in jedem gewöhnlichen Hinterhof der Dresdner Neustadt - Brennnesseln etc. Und das muss man dann im Verhältnis zur Umwelt betrachten, denn solche Ecken sind zumindest in Lower Manhattan ein Kuriosum - es kann sich keiner leisten, auch nur einen Quadratmeter zu verschenken. Und dann wird das, was in einer anderen Stadt einfach ein ,Rest', ein ,ungenutzter Raum', eine ,nichtbeachtete Fläche' ist, zu einem umhegten Platz, in dem man ,Ungepflegtheit' pflegt.

Manchmal lande ich aber auch in der Universität, und auch dort tun Studenten das, was sie überall in Universitäten zu tun pflegen ...

Teil 2: Kann man hier studieren, ohne über politische Ereignisse zu sprechen? Natürlich nicht, und schon gar nicht, wenn man mit Politikwissenschaftlern und Soziologen verkehrt.

Es gibt sie, die Anti-Kriegsdemonstrationen in den USA (Central Park 7.Oktober). Am wenigsten glaubt man das, wenn man die Presse hier liest. Und nirgendwo ist man von der Presse so abhängig wie in dieser Stadt. Denn um zu wissen, was wann wo passiert braucht man halt die richtigen Informationen zur richtigen Zeit. Ansonsten kann man hier von ,Events' mit Millionen von Besucher genauso weit weg sein, wie alle anderen auf der Welt auch. Die Information über die Demonstration kam für mich zwei Stunden vor Beginn - in einem Telefonat aus Deutschland. Über die Demonstration selbst wurde in der NY Times am nächsten Tag berichtet. Die Times macht das wirklich sehr klug: sie würde nie in kritischem oder abwertendem Ton darüber berichten, oder irgendetwas verschweigen - sie ist viel perfider: Sie erwähnt es auf den letzten Seiten, spricht von ,einigen' tausend Demonstranten - tatsächlich waren es schätzungsweise zwischen dreißig- und fünfzigtausend. Das ganze rahmt sie mit Fotos von Teenagern mit ,Peace' T-Shirts ein, und zitiert Sprecher, die nicht direkt über den Irak-Krieg gesprochen haben (Vertreter gegen die Unterdrückung auf den Philippinen, Feministen, Opfer von Polizeiübergriffen, etc): Nicht dass diese Leute nicht dort gewesen wären und gesprochen hätten - aber sie waren eher eine Art Beiwerk. Letztendlich wirkt es für jemanden der nicht dabei war, und der von der Information der Times abhängt, wie ein ,happening' der nicht ganz ernstzunehmenden Art. Die Demonstration selbst lief unter dem Namen ,not in our name', und um es kurz zu machen, es war die Bemühung zu verdeutlichen, dass durchaus nicht alle Amerikaner der Meinung sind, man müsse einen Regimewechsel im Irak erzwingen. Stattdessen ist man eher um das eigene Regime besorgt, und glaubt die politischen Bemühungen im Ausland seien von Ölinteressen geleitet, usw. usf. ...

Bei meinen politisch interessierten amerikanischen Mitstudenten geht ein wenig die Paranoia um. Und generell sprechen sie offen von einem ,Polizeistaat'. Einerseits ist da natürlich die sukzessive Unterhöhlung des demokratischen Systems: - patriotic act: er erlaubt der Regierung, Personen nach eigenem Ermessen festzusetzen, und sie damit einem geregeltem Rechtsverfahren zu entziehen (kein Anwalt, kein Richter, keine Anhörung - nichts) - shadow government: eine Regierung für ,Krisensituationen', die ihre Legitimation den persönlichen Präferenzen der jetzigen Regierung verdankt (keine demokratische Wahl, kein Einfluss durch Senat oder Kongress, keine Rechenschaftspflicht - nichts). Sie sitzt irgendwo in Washington in einem bombensicheren Bunker, und besteht aus ca. 75 - 100 Mitgliedern.

Und dann sind da noch die Erfahrungsberichte von persönlichen Erlebnissen:

Eine amerikanerische Kommilitonin berichtete mir, dass einige ihrer muslimischen Freunde seit einigen Monaten einfach verschwunden sind, keiner weiß wo sie sich befinden.

Mein erster tschechischer Mitbewohner wurde nebst einer Reihe anderer Passanten wegen ,loiterns' eine Nacht in Haft genommen. ,To loiter' ist nicht etwa eine Funsportart (und wenn, dann nur für die Polizisten), sondern heißt ,Herumlungern', hat interessanterweise aber auch ,Zeit vertrödeln' zur Bedeutung, und ist wie gezeigt bei Strafe untersagt. Die Polizisten wollten das alles nicht persönlich gemeint wissen, sie haben halt ihre Quoten zu bringen, und da hat er eben Pech gehabt, dass er gerade zur falschen Zeit am falschen Ort war.

Mein jetziger amerikanischer Mitbewohner hat gestern ein ,Ticket' für ,Schlafen in der U-Bahn' bekommen - $50. Er ist Tänzer, und muss sich sein Geld, wie so viele hier, durch mehrere Jobs verdienen. Also arbeitet er ein paar Tage die Woche in einem Restaurant. Da er seinen Dienst erst um vier Uhr früh quittiert (er bekommt tatsächlich jeden Tag Bares), fällt es ihm verständlicherweise schwer, während der einstündigen Heimfahrt die Augen offen zu halten. Nun ist er dummerweise im Sitzen eingeschlummert, und das ist nicht gestattet - die zwei weiteren Mitreisenden im Wagen haben sich daran sicher nicht gestört ...

Es ist diese Art von Automatismus der einem gelegentlich Angst macht. Die Polizisten gegen das loitern haben halt Quoten zu bringen, und da spielt der einzelne Fall dann keine Rolle mehr; der Ticketverkäufer muss halt seinen Schnitt machen, und da werden die Gesetze gegen Ende der Schicht gelegentlich großzügiger interpretiert; und wenn eine Kriegsmaschine erst einmal angeworfen ist, bräuchte es jemanden wie Kennedy 1961(?), um den Schalter noch mal rumzuwerfen - leider ist ein solch tollkühner Kerl zur Zeit nicht in Sicht.

Was soll man sagen? Was soll man sagen, wenn man diese Dinge, nach einem Seminar von Herrn Jacques Derrida (ein berühmter lebender(!) Philosoph: sagen wir er ist in diesen Kreisen Pop, A.d.R.), mit Leuten aus über zehn verschiedenen Ländern dieser Welt diskutieren kann? Was soll man sagen, wenn man dann noch auf dem Heimweg das Glück hat einer etwas ver-rückten schwarzen Dame zu begegnen, die einen mit dem Satz: "A white guy! Here! In the middle of the night!" in die Arme schließt, und die einen mit einer Hand voll Räucherstäbchen zurücklässt, und von dannen zieht, dabei hymnisch ,My neighborhood is save!' in alle Richtungen proklamiert - ja dann gewinnt die Stadt sofort ihren Charme zurück ...

Es bleibt widersprüchlich, und damit spannend ...

Bis auf Weiteres, Robert
New York, Oktober 2002
Robert Seyfert: über den Autor





Retour haut