Von fremden Sitten und Gebräuchen
Robert Seyfert
Nach nun fast zwölfwöchiger ,Mission', wieder ein paar Zeilen von fremden Sitten und Gebräuchen.
Als erstes muss gesagt werden, dass es auch nach längerer Zeit etwas schwierig bleibt eine Art ,Einfühlung' in das Leben der Einheimischen zu bewerkstelligen. Das mag auch daran liegen, dass man mehr mit ,Fremden' als mit Einheimischen zu tun hat. Schließlich befinde ich mich ja auch auf einer Art Insel: auf einer akademischen - die als Insel zwar sehr interessant ist, aber auch aus vielen ,Internationalen' besteht. Und da ich ja unterwegs bin, um das Leben der ,Einheimischen' (die sich hier in der Unterzahl befinden, 60-70% der NYer sind Nicht-NYer) zu studieren, habe ich mich dazu entschlossen, die Erfahrungen der Ethnologie zu Rate zu ziehen, um die ,fremde' Kultur besser zu verstehen. Der Kulturanthropologe Bronislaw Malinowski beschreibt seine Herangehensweise um das Leben der Bewohner der Trobriand Inseln zu studieren mit den folgenden Worten: "Ich begann gewissermaßen am Leben des Ortes teilzuhaben, den wichtigen oder festlichen Tagen entgegenzusehen, mich am täglichen Klatsch und den Entwicklungen der Ereignisse des Ortes persönlich zu beteiligen; jeden Morgen, an einem Tag zu erwachen, der sich mehr oder weniger so darbot, wie den Einheimischen." (Malinowski: Argonauts of the Western Pacific).
Für meine Studien wählte ich bei Malinowski die Punkte ,täglicher Klatsch' und ,festliche Tage' aus.
Täglicher Klatsch:
Allgemein ist bekannt, dass der ,Small Talk' ein wichtiger Bestandteil der hiesigen Kultur ist. Ebenfalls ist bekannt, dass das Wetter einen guten Anlass bietet, um einen Small Talk zu initiieren. Für mich Grund genug, um mich dem zuzuwenden, und herauszufinden, wie so etwas funktionieren kann.
Einleitend ist zum Wetter zu sagen, dass der blaue Himmel überwiegt (bis jetzt), und dass es extrem schnelle Wetteränderungen gibt: früh, blauer Himmel - und abends regnet es dermaßen, dass die U-Bahn geschlossen wird - früh, wieder blauer Himmel. Da beim Einsetzen des Regens genau damit aber niemand gerechnet hat, hat auch niemand einen Regenschirm zur Hand. Dafür stehen dann die Händler bereit, die je nach Wetterlage einen solchen feil bieten: bei blauem Himmel für zwei Dollar, bei Regen bis zu achtzehn Dollar. In einem Small Talk mit einem NYer komme ich also auf das Thema Wetter: Er erklärt mir, dass die schnellen Wetterwechsel aus der Lage der Stadt heraus zu erklären sind: der Ozean sei ja nebenan. Weiterhin erzählt er mir, dass er aufgrund dieser häufigen Überraschungen mittlerweile über zwanzig Schirme zu Hause habe, da er bei Regen stets einen neuen zu kaufen pflege. Das lässt mich nun wiederum dazu hinreisen, ihm vorzuschlagen, er solle doch nun seinerseits über die Gründung eines kleinen Nebengeschäfts nachdenken, um ein paar Exemplare gewinnbringend in die Warenzirkulation zu entlassen. Da er das überhaupt nicht lustig fand, habe ich daraus geschlossen, dass hier meinerseits die Regel des Small Talks nicht befolgt wurde, also ein Tabubruch stattgefunden hat. Solche (scheinbar konsumkritischen) Bemerkungen können wahrscheinlich nur von einem Nicht-Amerikaner kommen - es ist eine Frage der Kultur, welche Fragen und Kommentare einem einfallen, und der Amerikaner empfand diese Äußerung anscheinend als etwas unverschämt. Das sind die feinen Unterschiede der Kulturen, und man lernt dann sehr schnell, dass auch der Small Talk seine Regeln hat - das Gespräch mit dem NYer war nach meiner Bemerkung zumindest zu Ende.
Festliche Tage:
Das vielleicht wichtigste Fest nach Weihnachten und Thanksgiving ist in den USA Halloween. Pünktlich bekam ich mitgeteilt, dass Halloween ,Abend vor Allerheiligen' heißt (Danke, Martin!). Ich möchte hier kurz die etymologische Herkunft des Wortes ausführen. Ursprünglich: All-Hallow-Even, the evening before All Hallows; Hallow kommt vom altenglischen ,haliga' für ,holy'. Dann heißt es tatsächlich ,Abend vor Allerheiligen'. Die ganze Zeremonie beginnt einige Tage (oder Wochen) vor dem eigentlichen Tag (31.Oktober) mit der Zeremonie des ,pumpkin carving'. Da werden je nach persönlichem Geschick Gesichter (oder besser Gesten) in Kürbisse geschnitten, und diese/r durch Kerzen von innen zum Leuchten gebracht. Dann stellt man das Ganze ans Fenster und präsentiert es den Nachbarn, oder sich selbst. Die ,grusseligen' Gesichter stellen ein Überbleibsel des Paktes mit der Unterwelt dar - sie stammen von dem keltischen Fest 'Samhain eve'. Ursprünglich besuchten an diesem Tag die Seelen der Verstorbenen ihr Heim; und so schloss man sich an diesem Tag mit allen Arten von Geistern, Hexen, Kobolden, Schwarzen Katzen, Elfen, und Dämonen zusammen. Daher stammt auch die Kostümierung - man repräsentierte eine dieser Gestalten, mit der man an diesem Tag Gut-Freund sein wollte. Heute ist man jedoch nicht mehr auf das Grusselige allein beschränkt, und bedient sich größerer Freiheiten, indem man alle möglichen Gesichter in Kürbisse kreiert, und Kostüme jeglicher Art aufträgt - der Ritus ist verloren.
Deshalb sollten wir uns die Frage stellen, was es zu bedeuten hat, wenn, obwohl die Tradition nicht mehr gilt, die Menschen darauf bestehen sich gegenseitig Gesten vorzuzeigen (in Kürbisse geschnitten, oder als Masken getragen). Wollen sie vielleicht, wenn sie die Gesten ins Fenster stellen, ihrem Nachbarn sagen: Hab acht, von nebenan wirst du beobachtet, du bist nicht allein! - Halloween als symbolische Selbstvergewisserung der Kontrollgesellschaft? Oder ist es Ausdruck der Überzeugung, dass ein jeder Mensch ,ein Künstler' ist, und es auch zumindest einmal im Jahr sein (oder probieren) sollte? Das würde auch die Vorsicht erklären, warum man mit ,vergänglichem' Material arbeitet.
Wer die Dekorationsfreude der Amerikaner kennt, weiß, dass es nicht bei Kürbissen bleibt, sondern dass da noch in ganz anderen Dimensionen gedacht und gearbeitet wird. Manch Portikus findet sich dann mit allem beladen wieder, was orange (kürbissfarben) oder ähnlich strahlt - oft ist aber das Strahlen wichtiger als das Orange. Halloween selbst ist in NY ein großer Umzug der Kostüme (oder sollte ich sagen der Gesten?), der sich ca. dreißig Straßen von Downtown bis Midtown Manhattan entlang zieht.
Und auch die Kinder scheinen zu Halloween auf das Prinzip ,Amerika' konditioniert zu werden, wenn sie freudig dem Spiel des trick-or-treat (was soviel heißt wie: "Süßes, sonst gibt's Saures!" oder "Geld oder Leben!") frönen. Dabei ziehen sie durch die Strassen, und klingeln überall, um Süßes oder Anderes zu ,erbetteln'. Der einzige Unterschied zur europäischen Faschingstradition ist dabei, dass es weitreichendere Folgen hat, wenn dem Spruch keine Gabe folgt - da wird derjenige schon mal mit Eiern oder Schlimmerem beworfen. Während die europäischen Kinder nach dem Ausbleiben der Spende, mit hängendem Kopf von dannen ziehen, agieren die amerikanischen also bereits in diesem Alter nach dem Prinzip: ,Wer nicht mein Freund ist, ist mein Feind'.
Zu den zwei anderen ,wichtigsten' Festen gibt es vielleicht demnächst schon mehr: Thanksgiving ist Ende November, und Weihnachten auch nicht mehr soweit hin. Apropos Weihnachten, das hat mich dann doch überrascht: danach sieht es hier Widererwarten noch gar nicht so richtig aus. Die Wandlung der Schaufenstern beginnt gerade erst.
Bis dahin, Robert
New York, November 2002
Robert Seyfert: über den Autor