Thomas Bernhard: Arbeit am Körper
... mit den Zeitungsleuten komme ich nicht in Berührung, ich lasse mich nicht von ihnen anrempeln, ich liefere meine Artikel ab, bekomme mein Geld, die schlechtesten Artikel, die jemals geschrieben worden sind!, ich liefere sie ab, ich bin froh, daß ich mit den Redakteuren nichts zu tun habe,
man erwirbt einen Acker, ein Stück Land, man geht um das Stück Land herum, auf diesem ersten Gang um das neue Stück Land nimmt man niemanden mit, man sichert sich ab, man geht seinen Weg, man schließt seinen engen Kreis, alles zerstören, auslöschen, ungeschehen machen, den Neugierigen seinen Speichel ins Gesicht,
keine Mitteilungen, keine Entdeckungen: die man macht, um sie mitzuteilen: jetzt ist man soweit, daß man keinen Anhaltspunkt für die Grenzen mehr hat: man errichtet eine hohe Mauer, man baut sie immer höher, treibt die Mauer voran, opfert alles für den Bau dieser Mauer, opfert schließlich sich selbst, die Idee; die Mauer ist so hoch geworden, daß man keine Beziehung mehr haben kann,
ich bin mit meinem Geld zuende, rühre mir Trockenmilch in meiner Schale an, im Badezimmer versteckt, rühre ich um und gehe durch meine Selbstmordgedanken wie durch einen exotischen Garten, ich verdicke die Trockenmilch, esse sie löffelweise, ich durchschreite den Garten,
ich teile die Kuttelflecke mit meinem Hund,
ich durchschreite den Garten, ohne mich niederzulassen,
Kuttelflecke: im Sommer ist ihr Geruch unerträglich,
ich habe den Garten mit den exotischen Pflanzen durchschritten,
ich habe meinen Atlas vor mir ausgebreitet und die Abendstunden vergehen, manchmal behandelt mich der Studienrat von oben herunter: von hoch oben herunter, von dort, wo man nichts mehr ausnehmen kann, wo die Würfel gefallen sind; vom allerhöchsten Standpunkt aus, redet, als sei ich sein geistiger Hund, dann wieder bekommt er diesen lächerlichen weinerlichen Ton, der ihn auf die Stufe meines Hundes setzt, auf die Hundestufe, auf die allerniedrigste Stufe, naturgemäß,
wissen Sie, was es heißt, wenn wir alle in der elektrischen Hitze umkommen?, Sie wissen das nicht?, ich habe ein paar Vorredner gehört, aber ich kann Ihnen sagen, daß wir alle in der elektrischen Hitze umkommen,
ich bin auf meinem Weg, auf meinem endlosen Weg, ich bin aufgebrochen auf meinem endlosen Weg, mein endloser Weg wird mich von seiner Endlosigkeit überzeugen,
ich gehe in die Natur hinein, und ich sehe, daß sie nichts nützt, ich muß aus der Natur wieder heraus,
durchschnittlich eine halbe Million Gedanken in einer Nachmittagsstunde,
ich bemühe mich um die Ferne, ich habe immer die Ferne und die höchsten Höhen vor mir, aber die Nähe wird mich auslöschen, die Tiefe wird mich auslöschen,
ein Opfer der grenzenlosen Fernen, ein Opfer der grenzenlosen Nähe,
über allen Schatten und über allen Erniedrigungen leide ich meinen Vater, meine Mutter, meine Freunde,
dieser verrückte Gedanke an die Lebensgemeinschaft, dieser verrückte Gedanke an die Zahllosigkeiten,
und dabei ist es ein Verbrechen, überhaupt etwas anzufangen, alles ist Lüge, jeder Beistrich ist Lüge, alles ist nichts als ein fürchterliches Geschwätz, eine Unwichtigkeit, eine Niedrigkeit, eine Erniedrigung für mich,
aber an diese paar Gedanken klammere ich mich, und um jeden Buchstaben geht es, es geht um jeden Buchstaben und um das Erkennen des Stumpfsinns,
ein Gewitter kommt und treibt mich in ein Haus hinein,
aus lauter Angst vor dem Rufzeichen kann ich nicht einschlafen, aus lauter Angst vor dem Ausdruck fürchterlich, den ich erfunden habe,
wir packen zusammen und reisen fort: wir haben ein Ersterklasseabteil, wir fahren im Schlafwagen, wir haben einen ganzen Zug für uns allein, wir haben die Vorhänge geschlossen, damit uns niemand beschmutzt, damit uns kein Gedanke beschmutzt, damit uns das ganze Land nicht beschmutzt: die schmutzige Welt hat keinen Zutritt,
durch zehntausend Grenzen, durch zehntausend Kontrollen, ohne Paß, ohne stumpfsinnige Redewendungen, ohne Umschweife, mit unserem Ziel allein, mit unserem Vater und mit unserer Mutter, wir werden nicht gemaßregelt: alle Namen haben sich zu weit von uns entfernt, wir haben sie weit hinter uns zurückgelassen,
was?, wohin?, wir?, was haben wir aus uns gemacht?,
der Tod mit seinem Selbstbewußtsein tritt ein, ...
Thomas Bernhard: In der Höhe.
Rettungsversuch, Unsinn
Residenzverlag 1989